Hub­schrauber oder Hunde­schlitten

Air Greenland, die nördlichste Airline der Welt, ermöglicht Grönland den Anschluss an die Welt – und die Versorgung abgelegener arktischer Dörfer.

11.2016 | Autor: Andreas Spaeth

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Andreas Spaeth ist seit über 25 Jahren als freier Luftfahrtjournalist in aller Welt unterwegs, um Airlines und Flughäfen zu besuchen und über sie zu berichten. Bei aktuellen Anlässen ist er ein gefragter Inter­viewpartner in Hörfunk und Fernsehen.

Savissivik liegt am Ende der Welt, an ihrem nörd­lichen Ende. Der kleine Ort ist nach der letzten Zählung Heimat für gerade mal 66 Bewohner, die rund 800 Kilo­meter nördlich des Polar­kreises am 76. Breiten­grad leben. Ein Dutzend hölzerne Wohn­häuser sowie ein Gemein­schafts­haus mit fließend Wasser, das ist alles. Nur eine schmuck­lose Kirche aus Fertig­teilen gibt es noch, in der ein neben­beruf­licher Geist­licher sonntags die Messe liest, wenn er nicht verschläft. Die Menschen leben vom Fisch­fang, im kurzen Sommer per Boot oder Kajak, fast neun Monate im Jahr aber durch Löcher im Eis - und von staat­licher Hilfe. Immerhin gibt es einen Heli­port - im Winter sind Hub­schrauber die einzige Ver­bindung zur Außen­welt neben dem Hunde­schlitten. Und Winter herrscht in Savissivik die meiste Zeit des Jahres. Zu Jahres­beginn sind Tem­pera­turen von minus 35 bis minus 40 Grad Celsius bei monate­lang andauernder Dunkel­heit normal.

Zweimal die Woche, mittwochs und freitags, landet eine knall­rote Bell 212 aus dem fast 200 Kilo­meter nördlich gelegenen Qanaaq – der einzigen größeren Siedlung im Umkreis von 300 Kilo­metern. „Wir bringen frisches Obst und Gemüse, Milch, Medi­ka­mente und Post, wir fliegen aber auch Patienten zum Arzt“, erzählt Toke Brødsgaard, der bei Air Greenland als Hub­schrauber­pilot arbeitet. Reguläre Pas­sagiere können ebenfalls mit­fliegen - aller­dings sind trotz Subventionen die Flug­preise so hoch, dass sich kaum ein Dorf­bewohner die Luft­reise aus eigener Tasche leisten kann. Der Flug mit Zwischen­landung auf der US-ameri­kanischen Thule Air Base kostet umgerechnet rund 150 Euro – für die einfache Strecke.

Luftbrücken stellen im arktischen Winter die Versorgung sicher

Grönland ist mit knapp 2,2 Millionen Quadrat­kilo­metern die größte Insel der Welt und gehört politisch zu Dänemark, geo­graphisch zu Nord­amerika. Von Nord nach Süd beträgt die größte Distanz 2.670 Kilo­meter. Die Ober­fläche ist zu 82 Prozent vom Panzer des bis zu 3.000 Meter dicken Inlandeises bedeckt, nur an der West­küste gibt es eis­freie Stellen. Hier leben auch die meisten der insgesamt 55.000 Einwohner Grönlands, gerade mal so viele Menschen wie die Städte Rosenheim in Deutschland oder New Brunswick/New Jersey in den USA bewohnen. Straßen zwischen zwei Orten gibt es in Grönland keine – aber Air Greenland fliegt mit Bombardier Dash-8-200-Turboprops und Hub­schraubern planmäßig 13 Flug­häfen im In­land an, dazu kommen neun permanent betriebene Heliports sowie 39 weitere Lande­plätze. Ver­sorgungs­flüge gibt es sogar zu über 100 Siedlungen, manche davon mit nur 40 Ein­wohnern – ohne die Hilfe aus der Luft könnten die Menschen unter diesen harten Bedingungen schwer überleben.

Abgelegene Idylle: Kein Ort ist in Grönland auf Straßen erreichbar.

Die meisten Grön­länder, ein­heimische Inuit oder zu­gereiste Dänen, leben ver­streut an der West­küste. Als Ver­kehrs­mittel bedient man sich im Winter des Hunde­schlit­tens, manchmal können auch Autos über das zu­ge­frorene Meer fahren. Im Sommer ist das Küsten­schiff das wichtigste Trans­port­mittel. Das ganze Jahr verfügbar sind lediglich Flug­zeuge und Hub­schrauber der Air Greenland. Vor allem im Winter bilden die Heli­kopter für viele Dörfer so etwas wie die Nabel­schnur. Trans­porte werden meist mit der fünf­sitzigen AS 350B3 von Airbus Heli­copter durch­geführt, von denen die nörd­lichste Air­line der Welt fünf betreibt. Auf Pas­sagier­flügen kommen überwiegend die acht Bell 212-Helikopter zum Einsatz, die über maximal 13 Sitze verfügen.

Zwischen 1965 und 2012 waren auf Linien­strecken bis zu acht große Ver­kehrs­hub­schrauber des Typs Sikorsky S-61N im Einsatz – damals die größte zivile Flotte welt­weit. Die S-61 bietet bis zu 25 Plätze oder kann alter­nativ Nutz­lasten von bis zu 2,5 Tonnen trans­portieren. Zwei 1965 gebaute robuste Veteranen sind heute noch aktiv, vor allem im Rettungs­dienst oder auf Sonder­mis­sionen wie dem jähr­lichen Hunde­schlit­ten­rennen in der Disko Bucht von West­grönland. Zu diesem Anlass werden dann jeweils fünf Schlitten und ihre Fahrer sowie bis zu 76 Hunde auf einmal eingeladen. Eine weitere S-61, Baujahr 1979, wurde erst kürzlich an­ge­schafft und für Not­fall­einsätze über Eis und Wasser mit modernster Ausrüstung völlig neu aufgebaut. „Heute ist die S-61 im Passagier- oder Lasten-Linienbetrieb siebenmal teurer als ein Flächen­flugzeug“, sagt Toke Brødsgaard, und wetter­an­fäl­liger als die Dash-8-Flotte sind die Hub­schrauber auch.

„Wir bringen frisches Obst und Gemüse, Milch, Medikamente und Post, wir fliegen aber auch Patienten zum Arzt.“

Toke Brødsgaard, Hubschrauberpilot bei Air Greenland

Wetter dominierender Faktor auch im Luftverkehr

Das Wetter ist ein dominierender Faktor für das Leben in Grönland. Früher hieß Air Greenland deshalb im Volks­mund auch „Imaqaa Airways“, übersetzt „Vielleicht Air“, weil sie so unzuverlässig war. „Das war vor vielen Jahren“, sagt Jakob Petersen, der in der Haupt­stadt Nuuk in der Betriebs­zentrale von Air Greenland als Flugplaner arbeitet. „Damals hatten wir viel mehr Hub­schrauber, und die waren bei schlechtem Wetter sehr viel ein­ge­schränkter in ihrem Aktions­radius.“

Der Wind ist ein großes Problem geblieben, und das aus­gerechnet am Haupt­stadt-Flughafen. In Nuuk, der einzigen Stadt, die diese Be­zeichnung verdient, lebt etwa ein Viertel der Bevölkerung; fast die Hälfte aller Air Greenland-Pas­sagiere fliegt hierher. Insgesamt 395.000 Flug­gäste beförderte die Airline 2015, mehr als sechsmal so viele wie das Land Einwohner hat. „Unser maximales Wind­limit sind 40 Knoten beim Start und 35 zur Landung – erst vorgestern blies es hier aber mit 50 Knoten“, so Petersen. Dutzende Flüge wurden gestrichen.

Es kann in Grönland zu allen Jahres­zeiten Wetter­probleme geben, Nebel und Sturm auch im Sommer; Schnee, Blizzards und Vereisung im Winter, und Nuuk gehört leider zu den am stärksten be­trof­fenen Zielen“, sagt Petersen. Toke Brødsgaard ist früher selbst S-61 ge­flogen und erinnert sich: „Etwa 30 Prozent unserer Hub­schrauber-Verbindungen waren im Schnitt vom Wetter behindert. Frühjahr und Herbst sind am schwierigsten, im Winter sind die Ver­hältnisse stabiler“, so der Hub­schrauber-Pilot. Meist wird das Wetter erst während des Fluges schlecht – die Piloten müssen dann umkehren oder eine Aus­weich­landung an einem anderen Ort machen. Um Kol­lisionen mit Terrain zu vermeiden, liegt die vor­geschriebene Mindest­flughöhe bei 500 Fuß (ca. 150 Meter). „Die meisten unserer Piloten sind Schweden und Norweger, einige stam­men aus Grönland“, berichtet Brødsgaard.

Slideshow

 

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Die Bell 212 wirkt vor einem riesigen Eisberg fast wie ein Spielzeug-Hubschrauber.

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Air Greenland bedient mit der Bell 212 regelmäßig auch kleinste Siedlungen.

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Die bunten Häuser sind typisch für Siedlungen in Grönland.

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Die knallroten Bell 212 sind auch bei schwierigem Wetter gut sichtbar.

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Der einzige Jet von Air Greenland, eine A330, landet auf der Thule Air Base.

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Der Flughafen Kangerlussuaq liegt in der Mitte der Nordatlantikroute.

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Eine inzwischen ausgemusterte Dash-7 fliegt über einen Fjord in Grönland.

Drehkreuz Kangerlussuaq

Alle Wege von, nach und oft auch inner­halb der eisigen Insel führen über Kanger­lussuaq. Hier, gerade ober­halb des Polar­kreises, liegt Grönlands größter Flug­hafen. Die seit 1992 geräumte ehemalige US-Basis ist besser bekannt unter ihrem dänischen Namen Söndre Strömfjord, Flug­hafen­kürzel SFJ. Nur von hier aus fliegt Air Greenland mit ihrem einzigen Jet, einer Airbus A330-200, regelmäßig nach Kopen­hagen, im Som­mer manchmal zweimal am Tag. Das könnte sich ändern: „Derzeit wird eine Er­wei­terung von Flug­häfen wie Nuuk diskutiert, so dass dort direkt aus Kopen­hagen auch Jets landen könnten“, sagt Air Greenland-CEO Michael Højgaard. Doch ob es soweit kommt, ist ungewiss. Bis dahin sind selbst ab­ge­legene arktische Flecken wie Savissivik einzig durch Air Greenland mit der Welt verbunden, und das zumeist via Kangerlussuaq.

Interaktivität

Flugrouten der Air Greenland

Klicken Sie auf den Flughafen Kangerlussuaq um die Flugrouten anzusehen:

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