Erfolgsmodell Kooperation mit der Bundeswehr

Seit über zehn Jahren halten MTU Aero Engines und Luftwaffe Triebwerke gemeinsam an einem Ort instand – in den Werkshallen der MTU. Die Kooperation vertieft die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Bundeswehr, vermeidet Doppelkapazitäten und ermöglicht den effizienten Einsatz von Ressourcen. Die anfängliche Skepsis, Soldaten in einem industriellen Unternehmen arbeiten zu lassen, verflüchtigte sich schnell. Kurz: Das Konzept ist ein Erfolgsmodell.

11.2014 | Autor: Thorsten Rienth

Als im Jahr 1997 bei der Bundes­wehr die endgültige Entscheidung für den Euro­fighter fällt, ist im Vergleich zu früheren Beschaffungen vieles anders. Der Kalte Krieg ist zu Ende, die öffentlichen Finanzen sind knapper. Für den Deutschen Bundestag ist nicht mehr nur der Anschaffungs­preis relevant. Nun stehen auch die Betriebs­kosten auf dem Prüfstand. „Die Instandhaltung der Triebwerke ist dabei ein wesentlicher Posten“, erklärt Klaus Günther, Leiter der militärischen Programme bei der MTU. „Um die Be­triebs­­kosten beim System Eurofighter spürbar zu senken, musste man auch bei den Trieb­werken ansetzen.“ Bei der Industrie und der Luft­waffe beginnen die Ge­danken­spiele. Was ist möglich? Was ist umsetzbar? Was spart wirklich Geld?

Der aus Vertretern der Ministerien für Wirtschaft und Verteidigung, der Luftwaffe, des Be­schaffungs­amts der Bundeswehr (BWB) und des Bundes­verbands der Luft- und Raum­fahrt­industrie bestehende „Arbeitskreis Industrie­unterstützung“, schlägt schließ­lich gemeinsame Instand­setzungs­einrichtungen unter industrieller Führung vor: Anstatt die Trieb­werks­instandsetzung wie bisher sowohl in der Luft­waffen­werft als auch beim Trieb­werks­hersteller durchzuführen, sollte dies künftig ausschließlich im Trieb­werksshop der MTU geschehen – und unter Beteiligung entsprechend aus­ge­bildeter Soldaten.

Am Ende stand ein Konzept, das Soldaten der Bundeswehr wie ganz normale MTU-Mitarbeiter in die Abläufe des Unter­nehmens integriert. „Ersatz­teil­manage­ment und -prognose, Schadens­unter­suchungen, Produkt­beobachtungen oder Qualitäts­sicherung sind alle Teil des gesamten Programms“, erklärt Ulrich Ostermair, bei der MTU einer der industriellen Gründer­väter der Kooperation. „Die Gesamt­ver­ant­wortung der Instand­setzung liegt bei der MTU, die Soldaten – in erster Linie sind es technische Offiziere und Trieb­werks­mechaniker – bleiben aber personell und disziplinarisch weiter der Luftwaffe zugeordnet.“ Sämtliche Instand­haltungs­tätigkeiten, für die das Trieb­werk vom Flügel abgenommen werden muss, werden auf diese Weise erledigt. Einzige Aus­nahme sind einfache Checks sowie der Tausch von Anbau­geräten am eingebauten Triebwerk. „Das bleibt weiterhin Aufgabe der Soldaten am jeweiligen Einsatz­standort.“

Es ist kein Geheimnis, dass die Skepsis noch groß war, als Soldaten und MTUler im Jahr 2002 das erste Mal gemeinsam an einem EJ200 arbeiteten. Soldaten in einem Industrie­unternehmen? Das war bislang ausgeschlossen. Doch schnell wurde klar: Die Idee ist gut, sehr gut sogar. Gemeinsam erreichten Luftwaffe und MTU die gesteckten Kostenziele. Die vereinbarte Durch­laufzeit von 23 Kalendertagen konnte bis heute in den meisten Fällen problemlos eingehalten werden.

Die Kooperation leistet einen erheblichen Beitrag zur Attraktivität von Laufbahnen im technischen Dienst der Luftwaffe.

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Kooperation mit der Bundeswehr

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1-Kooperation-HandinHand

Bei der Kooperation mit der Bundeswehr arbeiten Soldaten und MTU-Mitarbeiter Hand in Hand.

2-Tiger-Antrieb

Der Tiger-Antrieb MTR390 wird ebenfalls in Kooperation instandgehalten.

3-EJ2000-Luftwaffe

Seit 2002 arbeitet die MTU beim EJ200 erfolgreich im Rahmen der Kooperation mit der Luftwaffe zusammen.

4-MTR390-MTU

2008 ist auch das Hubschraubertriebwerk MTR390 hinzugekommen.

5-RB199-Kooperation

2006 wurde das Konzept auch auf das RB199 ausgedehnt.

6-MTU-Erding

Heute betreut die MTU zusammen mit der Luftwaffe drei Triebwerksmuster. Die Instandsetzung erfolgt im neu gegründeten MTU-Betriebsteil im Fliegerhorst Erding.

Das Hand-in-Hand-Konzept wurde bald zum Vorbild für zahlreiche weitere Trieb­werks­programme. Ende 2005 nahmen Luft­waffe und MTU das Phantom-Triebwerk J79, den Tornado-Antrieb RB199 und das RR250-C20 des Panzer­abwehr- und Unter­stützungs-Hubschraubers Bo 105 in die Kooperation auf. Die Instand­setzung erfolgt im neu gegründeten MTU-Betriebsteil im Fliegerhorst Erding, dem bisher einzigen industriellen Shop innerhalb einer Luftwaffen­kaserne. Einige Jahre später folgte das Tiger-Triebwerk MTR390. Seit der Ausmusterung von Phantom und Bo 105 liegt der Fokus auf den Triebwerks­mustern EJ200, RB199 und MTR390.

Die Zusammen­arbeit zwischen den Mitarbeitern im Shop beschreibt Ostermair als außer­ordentlich kamerad­schaftlich und ziel­orientiert. „Über allem steht die Erfüllung des Fachauftrags: Das hundert­prozentig gewartete Triebwerk termin­gerecht zur Verfügung zu stellen.“ Wunschlos glücklich? Fast. Er würde sich höchstens wünschen, dass die bei der MTU eingesetzten Soldaten noch etwas länger in der Kooperation arbeiten, bevor sie bei der Luftwaffe andere Aufgaben übernehmen.

„Die Kooperation steht beispielhaft dafür, dass wir in der Lage sind, bedarfs­gerechte Servicekonzepte zu entwickeln und auch umzusetzen“, erklärt Klaus Günther. Doch auch die MTU profitiert davon. „Wir bekommen dadurch sehr direkte Rückmeldung, wie sich unsere Systeme unter realen Einsatz­bedingungen verhalten.“ Sollten sich neue Bedarfe zeigen, könne das Unter­nehmen sehr schnell auf sie reagieren. Gleich­zeitig leistet die Kooperation einen nicht unerheblichen Beitrag, Lauf­bahnen im tech­nischen Dienst der Luft­waffe attraktiver zu gestalten. Das nutzt am Ende nicht nur der Bundes­wehr, sondern jedem Soldaten in der Kooperation bei seiner weiteren beruf­lichen Orientierung.

Ein statisches Gebilde ist die Kooperation nicht. Sie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Gemeinsam mit der Luft­waffe wird bereits über die nächste Stufe der Zu­samm­enarbeit und die Weiter­ent­wicklung der Nationalen Kooperation Triebwerk (WEK-T) nachgedacht. Ziel ist es, der Bundes­wehr eine all­um­fassende Verfüg­barkeit von Trieb­werken zu garantieren – und zwar auf Basis von Verfügbar­keits­konzepten, wie sie in der zivilen Luftfahrt üblich sind.

Vor wenigen Wochen stand aber erst einmal die Zusammen­führung der kompletten Kooperation am Betriebs­teil in Erding an. Dadurch lassen sich durch die ver­schie­denen Programme entstehende Synergien besser nutzen.

20 Jahre in der Luft

Der Eurofighter, hier bei seinem Erstflug im März 1994, ist heute das Rückgrat zahlreicher Luftwaffen.

Der Eurofighter, hier bei seinem Erstflug im März 1994, ist heute das Rückgrat zahlreicher Luftwaffen.

Der Eurofighter, hier bei seinem Erstflug im März 1994, ist heute das Rückgrat zahlreicher Luftwaffen.

Voller Spannung blickte die Luft­fahrt­branche am 27. März 1994 zum Flug­erprobungs­zen­trum nach Manching, wo an diesem Tag der damals noch als „Jäger 90“ bez­eich­nete Euro­fighter zum Erstflug abhob. Der 45-minütige Flug des damaligen Dasa-Chef­test­piloten Peter Weger bedeutete den Beginn einer neuen Ära in der Jagd­flugzeug­techno­logie: Noch nie hatte es seit der Einführung der Düsen­flug­zeuge einen größeren techno­logischen Entwicklungs­sprung gegeben.

Aktuell wurden mehr als 400 Maschinen des „Eurofighter Typhoon“ an die Betreiber­nationen Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien, Saudi-Arabien und Österreich ausgeliefert. Angetrieben werden sie von je zwei EJ200-Triebwerken, an denen die MTU umfangreich beteiligt ist. Sie entwickelt und fertigt den Nieder­druck- und Hoch­druck­ver­dichter, liefert die Digitale Trieb­werks­regelung (DECMU – Digital Engine Control and Monitoring Unit) und ist für die End­montage der Trieb­werke der deutschen Eurofighter verantwortlich.

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