Brasili­anischer Über­flieger

GOL ist nicht irgendeine Abkürzung, GOL heißt auf Portugiesisch “Tor” im Fußball. Brasilianer sind verrückt nach Fußball, daher ist der Begriff als Markenname gut gewählt. Er stammt aus dem Jahr 2001, als GOL mit sechs Boeing 737 startete. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte: Heute ist GOL Linhas Aéreas mit über 40 Millionen Passagieren jährlich der viertgrößte Billiganbieter der Welt. Und der Markenname ist im Jahr der Fußball-WM in Brasilien immer noch ein Volltreffer.

05.2014 | Autor: Andreas Spaeth

Es war im Hinter­zimmer einer Mercedes-Buswerk­statt in São Paulo, irgendwann Ende des Jahres 2000. Christoph Heck, heute Leiter Marketing & Sales Americas bei der MTU in Hannover, erinnert sich noch genau: „Wir saßen damals zusammen mit ein paar Jung­unter­nehmern, die die Idee für ein Start-Up hatten: Eine Billig-Fluggesell­schaft.“ Es waren nicht irgend­welche Gründer, sondern es handelte sich um Constantino de Oliveira Júnior, Spross des größten brasilianischen Bus­betreibers, und seine drei Brüder. Genügend Start­kapital und Expertise im Transport­ge­schäft waren vorhanden. „Die wollten etwas Großes aufziehen, die Pläne klangen gut“, erinnert sich Heck. So hatte die MTU bereits ein vertrauens­volles Verhältnis zur späteren Flug­gesell­schaft, bevor diese überhaupt zum Erstflug startete. Der fand am 15. Januar 2001 statt. GOL ging mit zunächst sechs Boeing 737 ins Rennen um den lukrativen brasilianischen Inlands­markt zu erobern, der 2014 der viertgrößte Binnen­markt der Welt ist. Bis 2020 könnte Brasilien nach den USA und China sogar das dritt­größte Luft­verkehrs­auf­kommen der Welt aufweisen.

Als GOL startete, hatten Passagiere am Zucker­hut turbulente Zeiten hinter sich, waren doch erst VASP und Transbrasil und dann auch die tradition­sreiche Varig vom Markt verschwunden. Deren Nach­folger, die „neue Varig“, wurde 2007 von GOL über­nom­men. Noch heute fliegen zehn Boeing 737, die GOL betreibt, in Varig-Farben in die Karibik und nach Venezuela, wo weiterhin alte Varig-Verkehrs­rechte gelten.

Brasilien, fünft­größtes Land der Welt, schien wie geschaffen für einen Billig­flieger, war Fliegen bis dato doch nur den Reichen vorbehalten gewesen, während sich die Mehr­zahl der 192 Millionen Brasilianer mit dem Bus über verstopfte Straßen quälte. Zwei bis drei Tage dauert das vom Nord­osten Brasiliens, wo die meisten Migranten leben, bis in die Industrie­städte wie São Paulo und Rio de Janeiro. Seit ihrem Ent­stehen hat GOL auf diese Weise über 50 Millionen Menschen für das Flug­zeug als Verkehrs­mittel gewonnen, eine echte Erfolgs­ge­schichte. Das Wachstum der jungen Firma verlief schnell, im Jahres­durch­schnitt stieß ein Flugzeug pro Monat zur Flotte und brachte die Gründe­rfamilie bald in die globale Liste der Milliardäre. Und das, obwohl sich nach nur acht Monaten nach dem Erstflug 9/11 ereignete. Nach der Fusion der brasilianischen TAM mit der chilenischen LAN zur LATAM, die inzwischen weitgehend aus Santiago de Chile gelenkt wird, ist GOL jetzt die größte Flug­gesell­schaft mit Hauptsitz in Brasilien.

Derzeit bedient GOL mit rund 140 Boeing 737 65 Zielorte in Amerika.

Mit über 40 Millionen beförderten Passagieren pro Jahr ist GOL gleichzeitig der größte Billigflieger Latein­amerikas und viertgrößter der Welt, hinter South­west Airlines in den USA und Ryanair bzw. Easyjet in Europa. Die derzeit 36 Boeing 737-700 sowie 104 Boeing 737-800 starten täglich zu 970 Flügen an 65 Ziel­orte, darunter acht in süd­amerika­nischen Nachbar­ländern, vier in der Karibik sowie Miami und Orlando in den USA. Und dabei wird GOL seit An­beginn unterstützt von der MTU Maintenance. Zu­nächst von Fall zu Fall und nach Bedarf für die noch junge Flotte und seit Januar 2013 dann auch mit einem langfristigen, bis 2018 laufenden Vertrag für die Instandhaltung der Hälfte aller CFM56-7B-Triebwerke der GOL-Flotte. „Bis heute haben wir bereits knapp 40 Triebwerke für GOL in unseren Standorten in Hannover und Zhuhai in­stand­ge­setzt“, sagt Axel Homborg, Vertriebsmitarbeiter bei der MTU in Hannover. Auch bei GOL weiß man die Beziehung zu schätzen: „Mit der MTU haben wir einen äußerst kompetenten und zuverlässigen Partner an unserer Seite“, betont Eduardo Calderon, Leiter der Supply Chain von GOL, „die Durchführung der Wartung an zwei un­ab­hängigen Standorten garantiert uns kurze und planbare Durchlaufzeiten.“

Die Hälfte aller CFM56-7B-Triebwerke der GOL-Flotte werden bei der MTU Maintenance instandgehalten.

Beide Seiten verstehen sich dabei als enge Team­player. „Das Geheimnis unseres Erfolges ist die intensive Kommunikation und Zusammen­arbeit zwischen den Teams beider Firmen“, verrät Claus Herzog, der für die MTU vor Ort tätig ist. „Viele der zen­tralen Komponenten unserer Kooperation kennt man so auch vom Fußball“, spannt Homborg den Bogen zum Firmen­namen seines Kunden und dem Groß­ereignis der Fußball-WM 2014, deren Eröffnungsspiel am 12. Juni in São Paulo stattfindet.

Da passt es, dass GOL auch die offizielle Flug­gesell­schaft der Seleçao, der bra­si­lianischen National­mann­schaft, ist. „Wir sind die größte bra­si­lianische Flug­gesell­schaft und es ist eine Ehre für uns unsere Fußballer zu fliegen“, sagt GOL-CEO Paulo Kakinoff, „die Synergie zwischen Fußball und GOL ist offenkundig.“ Und das zeigt GOL auch durch eine Boeing 737-800 in grün-gelber Sonder­bemalung. Mit deutschen Partnern kennt sich Kakinoff ebenfalls bestens aus – er war zuvor beim Autobauer Audi tätig und lebte während­dessen auch zwei Jahre in Deutschland. Bei einem Thema, das wissen Kakinoff und seine Mitarbeiter bei GOL vermutlich ebenso gut wie ihre Partner bei der MTU, werden sie sich aller­dings kaum einigen können: Welcher Mann­schaft die Daumen zu drücken sind, damit sie am Ende der Fußball-WM 2014 den goldenen Weltpokal in den Händen hält.

Schaufenster für Nachhaltigkeit

Die großen Sport­ereignisse in Brasilien, die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro, sind die ideale Bühne, um ein großes Zukunfts­thema der Luft­fahrt voran­zutreiben: Die Nutzung von Biotreib­stoff. Am 23. Oktober 2013 führte GOL mit einer Boeing 737-800 den ersten Testflug des Landes durch, bei dem die Trieb­werke teilweise durch ein Biokerosin-Gemisch angetrieben wurden. Es wurde bei Petrobras aus gebrauchtem Küchenöl gewonnen. Danach gründeten GOL, Boeing und brasi­li­anische Institutionen eine gemeinsame Initiative, um künftig die groß angelegte Herstellung nachhaltigen Bio-Jet­treib­stoffs aufzubauen. Brasilien hat bereits eine Biosprit-Industrie und könnte das erste Land mit einer industriellen Produktion von Biokerosin aus Bio­masse werden. „Dieses Projekt wird die Nutzung von Biosprit in Brasilien weiter vorantreiben“, hofft GOL-CEO Paulo Kakinoff. Während der Fuß­ball-WM will GOL in diesem Jahr auf 200 Flügen anteilig Bio­kerosin nutzen. Im Zeitraum der Spiele 2016 soll dann sogar auf 20 Prozent aller GOL-Flüge Biosprit genutzt werden.

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